Q&A zu „früher oder später“

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  • “Ein Ort wie im Bilderbuch. Ein Wald, Kirche, Bauer und Metzger. Doch die Jungen ziehen weg und die Alten sterben, was ein Glück ist für Ernst und Roswitha, denn um ihren Hof zu retten, arbeiten der Milchbauer und seine Frau auch als Bestatter/innen. Dann kauft eine vegane Kommune das Hotel und es kommen radikale Freidenker/innen in den Ort. So prallen plötzlich alte und neue Weltbilder aufeinander. Es ist der Urknall eines Mikrokosmos wie er sich schöner nicht auszudenken ginge. In “Früher oder später” verdichtet sich die Realität mit dem Stilmittel der Fiktion zu einer tragischen komischen Erzählung.”

Programmheft “Kasseler Dokfest”

Q: Ist alles was wir sehen wirklich passiert?

A: Alles was wir gesehen haben ist wirklich passiert und all diese Menschen sind sie selbst. […] Wir wollen dem ganzen so ein Gefühl von Spielfilm geben. Quasi das Gegenteil von einer Mockumentary. Das ist ein Spielfilm der so tut als wäre er ein Dokumentarfilm, wir machen einen Dokumentarfilm der so tut als sei er ein Spielfilm. […] Wir haben zum Einen diese Struktur die dramaturgisch funktioniert wie bei einer Fiktion und zum anderen scheiden wir Dinge zusammen die sehr viel weiter auseinander liegen. Das heißt wir nehmen viereinhalb Jahre Drehzeit; wir haben immerhin dreieinhalb Jahre gedreht, ein Jahr geschnitten und konzentrieren sie auf 120 Minuten Film. Das heißt wir schneiden Dinge zusammen, die zum Teil zwei Wochen auseinander liegen in eine Szene. Das ist gewagt aber im Endeffekt wie eine Collage zu sehen. […] Das Schöne daran ist, dass es nicht geschrieben, sondern wirklich passiert ist. All diese Menschen gibt es echt. So auch die Zwei, die ihre Bestattungsvorgabegespräche mit Roswitha machen, da denken zum Beispiel die Leute immer: Das könnten einfache Schauspieler sein, weil das einfach so ein grandioses Gespräch ist. Und da merkt man, der Dokumentarfilm kann einfach mehr als die Fiktion, wenn man sich die Zeit nimmt die Sachen zu beobachten.

 

Q: Haben die Protagonisten den Film gesehen?

A: […] der Ernst und ich hatten einen Deal, und zwar: Ich bin die Regisseurin und er ist der Landwirt und Bestatter. Das ist sein Bereich und mein Bereich ist der Film, aber ich zeige ihm das Ergebnis und zwar bevor es jemand Anderes sieht. […] Ernst und Roswitha haben das bei ihnen in der Küche gesehen. Wir sind immer hingefahren, wenn wir was geschnitten hatten. Sie sind sehr dankbar, dass wir zeigen, wie sie arbeiten und was ihr leben so ausmacht. Weil in ihrem Ort natürlich alle darüber reden und mit dem Stadtkern hat man doch wenig Kontakt. Ernst und Roswitha ist dieser Film natürlich sehr wichtig, weil er eben transportieren kann, wie sehr sie kämpfen und wie wahnsinnig sie arbeiten. […] Sie waren dann tatsächlich da – in der letzten Vorstellung in München, bekamen Standing Ovations und das konnten die beiden sich früher auch nie vorstellen, dass die Leute wirklich an dem interessiert sind, wie sie leben und, dass sie sie auch sehr schätzen und das fanden sie ganz toll.

 

Q: Warum die Fliegen?

A: Das war eine sehr schöne Beobachtung die wir mit der Zeit machten, weil überall diese Fliegen rumschwirrten, beziehungsweise eigentlich ständig einer unserer Protagonisten eine Fliege erschlägt. Aber wir haben beschlossen das Fliegenmotiv in den Film einfließen zu lassen, weil sie ja eben auch mit dem Tod und dem Teufel assoziiert werden. Wir fanden es sehr passend tote Tiere zu zeigen, weil ja die Nature Community sich wiederum damit beschäftigt wie wir mit Tieren umgehen und ob wir sie denn auch töten dürfen um sie zu essen.

 

Q: Ist die Nature Community erfunden?

A: Nein – die Nature Community gibt es wirklich. Die haben sogar eine wunderbare Website. Das sind alles Leute, die eigentlich aus der Stadt kommen und größtenteils Coaches sind. Viele von diesen Gründern sind Coaches für Manager in großen Unternehmen und haben deshalb auch oft sehr viel Geld verdient und wollen deshalb ein neues Leben ausprobieren und haben beschlossen diese Community zu gründen.

 

Q: Was machen die Protagonisten heute?

A: Der Tobias macht inzwischen eine Ausbildung zum Straßenwart. Das war auch das was er machen wollte. Die Leute die den Hirsch abgeholt haben sind keine Feuerwehrleute sondern vom Bauhof. Die Sandra ist nicht mehr in der Kommune – sie ist dieses Jahr im März ausgezogen und wohnt jetzt auf einem Reiterhof in der Nähe von Regensburg mit ihrer Tochter, die dort in den Waldkindergarten geht. Sie ist dort sehr glücklich. Ernst und Roswitha machen weiter wie bisher.

 

von Charlotte Brendel, Tim Lunkenheimer & Benedikt Hartlieb