Learning to Disappear

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 Das Kasseler Dokfest setzt sich dieses Jahr mit dem Thema Gesichtserkennung auseinander. Viel zu selten wird das Thema aufgegriffen und viel zu selten wird über dieses Thema nachgedacht. Was bedeutet es, wenn das Gesicht von künstlichen Intelligenzen erkannt wird und man nicht länger „unentdeckt“ bleibt?

 

Andrea Schulze Wilmert bietet im Rahmen des Festivals ein Workshop für Schüler/innen ab 15 Jahren an und beschäftigt sich mit der Gesichtserkennung und wie viel Veränderung im Gesicht benötigt wird, die Software auszutricksen.

 

In ihrer Beschreibung des Workshops wird die Thematik deutlich:

 

„Wie kann man verschwinden in einer Welt der absoluten Sichtbarkeit? Dieser Frage gehen wir nach, indem wir spielerisch versuchen die Gesichtserkennungssoftware unseres Handys zu überlisten. Dazu untersuchen wir Muster von Gesichtern, um sie anschließend mit gestalterischen Mitteln unlesbar zu machen.

 

Die Kunst sich zu tarnen.

Übungsaufgaben auf Pauspapier. (Ab welchem Moment wird das Gesicht nicht mehr von der Kamera erkannt? )

 

INFORMATION ZUM WORKSHOP

 

Künstliche Intelligenzen werden trainiert mit tausenden Abbildungen menschlicher Porträts, aus denen sie unveränderliche Merkmale herausfiltern und zur Mustererkennung nutzen. Findet eine Gesichtserkennungssoftware entsprechende Muster in einem neu eingespeisten Bild, kann sie es als Gesicht identifizieren.

 

Verwendet werden vor allem die Merkmale des Gesichts, die sich aufgrund der Mimik nicht ständig verändern, zum Beispiel die Symmetrie zwischen Nase und Mund, die obere Kante der Augenhöhlen, die Bereiche um die Wangenknochen und der Abstand zwischen Augen und Ohren. Sie ermöglichen es künstlichen Intelligenzen ein Gesicht als Gesicht zu erkennen. Welche Gefahren mit der Gesichtserkennung verbunden sind, wird deutlich, wenn man Studien folgt, die anhand charakteristischer Gesichtsstrukturen die sexuelle Orientierung, die kriminelle Neigung oder andere menschliche Eigenschaften der Probanden klassifizieren wollen.

 

Die Annahme, dass moderne künstliche Intelligenzen menschliche Eigenschaften an Gesichtern ablesen könnten, schürt Vorurteile und spielt der alten Pseudolehre der Physiognomik in die Hände. Dass Algorithmen zur Gesichtserkennung sich von der Art der Selbstdarstellung wie Makeup, Gesichtsbehaarung, Brillen oder dem Winkel der Aufnahme beeinflussen lassen, beweist hingegen eine Studie von Alexander Todorov .

 

Hier offenbaren sich Handlungsmöglichkeiten zu einem kritischen und spielerischen Umgang mit der Gesichtserkennung: Werden bestimmte Muster gestört oder zusätzliche Merkmale irritierend hinzugefügt, kann der Algorithmus sie nicht mehr zuordnen. Das Gesicht bleibt unerkannt, auch wenn es für unsere menschliche Wahrnehmung noch erkennbar ist.

 

Dieser Workshop nutzt die Anfälligkeiten des Algorithmus, um das eigene Gesicht mit geringem Aufwand zum Verschwinden zu bringen. Wir analysieren Muster, die der Gesichtserkennung dienen, um sie anschließend mit gestalterischen Mitteln unlesbar zu machen.“

 

Nach dem Workshop zeigen sich die Jugendlichen sichtlich aufgeklärt. Obwohl ihnen der Workshop viel Spaß bereitet hat und sie ihrer kreativen Ader freien Lauf lassen konnten, spürt man neben der ausgelassenen Atmosphäre auch eine nachdenkliche Art der Jugendlichen. Es wird ihnen bewusst, welches Ausmaß eine scheinbar simple Gesichtserkennung nach sich bringen kann und Vor- und Nachteile dieser künstlichen Intelligenz wurden durch die künstlerische Herangehensweise nahe gebracht.

 

Malena Semmler, Andy Justus, Arne Hertstein