Le fils (The Son)

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Der Vorhang geht auf. Gezeigt wird der Film “Le Fils (The Son)“ von Alexander Abaturov, eine
Andanafilms Produktion. Es handelt sich um einen Dokumentarfilm der die Themen Militär, Krieg,
Tod und Trauer anhand der Russischen Spezialeinheit „Speznaz“ darstellt.

In der Dokumentation wird besonders hervorgehoben, wie die jungen Soldaten harte, brutale
Prüfungen bewältigen müssen, um in die „Speznaz“ aufgenommen zu werden. Im Jahr 2013 gab es
112 Anwärter, welche eine Stelle in der Spezialeinheit erlangen wollten. Nur ein Drittel dieser
Anwärter hat die Möglichkeit tatsächlich aufgenommen zu werden und bekommt die Ehre eine der
bekannten roten Mützen dieser Spezialeinheit zu tragen.

Im Film erhält man einen Einblick in die Grundausbildung der Soldaten, das Training für die Einsätze,
das Leben in der Kaserne, sowie die harten Prüfungen, die die Rekruten bestehen müssen. Zu
beobachten war, wie viel Wert auf Disziplin und Ordnungen in der russischen Einrichtung der
Spezialeinheit gelegt wird. Die Soldaten mussten pünktlich um 4 aufstehen, ihr Bett mit einem Stuhl
glattstreichen, ihre Klamotten genau wie vorgegeben auf einem Stuhl falten und ihre Haare täglich
millimetergenau schneiden. Nach dem Aufstehen folgte eine Abfragerunde, die an eine krassere
Version des ‚Gedichteabfragens‘ der Grundschule erinnerte. Den Soldaten wurde hierbei eine Waffe
genannt über die sie die Exakten Daten der Schussreichweite, der Treffsicherheit, und weiteres
wissen mussten.

Im Training für die Einsätze mussten die Rekruten in voller Montur mit Waffe und kugelsicherer
Weste einen Marathon über Berge, durch dichten Wald und matschige Landschaften bewältigen. So
manche Soldaten stießen schon hier an ihre Grenzen. Ein Soldat viel fast in Ohnmacht und musste
verarztet werden. Eine weitere Prüfung bestand darin, gegen ausgebildete Boxer zu boxen. Wer
nicht zielsicher genug geschlagen hat, wurde sofort aussortiert. Trotz Schutzhelm und Handschuhen
hatten alle Rekruten komplett blutverschmierte Gesichter.

Neben der Grundausbildung wurde auch die Geschichte von Dima Ilukhin, dem Cousin des
Regisseurs, erzählt. Dima wurde 2013 mit nur 21 Jahren bei einem Einsatz in der nordkaukasischen
Republik Dagestan schwer verletzt. Er erlitt einen Schuss in den Kopf und einen in die Schulter. Seine
Kameraden versuchten ihn mit Verbänden und weiteren Mitteln zu retten, scheiterten jedoch.
Der Film begleitet die Trauer der Eltern, die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Ausarbeitung
einer Statue für Dimas Grab. Es wird deutlich, wie groß sein Stolz für sein Vaterland war, da er bereit
war dafür zu leben und zu sterben. Ob seine Familie mit seiner Entscheidung, dem Speznaz
beizutreten, glücklich war, wird nicht ganz klar. Was jedoch sicher ist, ist dass die ganze Familie sehr
an seinem Tod leidet. Seine Mutter weint häufig, wenn sie über ihn redet, und seinem Vater merkt
man an wie sehr ihm der Tod seines einzigen Kindes zu schaffen macht.

Die Dokumentation arbeitet komplett ohne Interviews und wird nur über Beobachtungen und
Gegenüberstellung von Erzählsträngen erzählt.

Der Film endet mit einer Szene, in der die neu aufgenommenen Soldaten der Spezialeinheit in ihren
ersten Einsatz geschickt werde. Wie es dann weiter geht erfahren wir nicht…

 

von Charlotte Brendel, Tim Lunkenheimer & Benedikt Hartlieb

 

 

Rezension

Die Rekruten brüllen Daten und Todesumstände von gefallenen Kameraden ins Morgengrauen hinaus. Einer dieser Gefallenen ist Dima Ilukhin, der Vetter von Alexander Abaturov, einem Dokumentarfilmer aus Frankreich. Die Rekruten betiteln Dima als Helden, der für sein Land gekämpft hat, und machen im Anschluss mit ihrem Training weiter um, wie er, ein Spetsnaz zu werden. Dimas Eltern jedoch trauern nicht um einen Helden oder Kämpfer, sondern um ihren Sohn, einen Menschen. Den erschreckenden Kontrast dieser zwei Welten schafft es Abaturov in ergreifender Weise festzuhalten.

Gerade die Wechsel zwischen der Militärausbildung und Dimas Familie erzählen, in der Art und Weise, wie sie geschnitten sind, bereits eine starke Geschichte. Von trauernden Hinterbliebenen wechselt der Film zu schießenden Soldaten, deren Gesichter durch das ohrenbetäubende Schussfeuer erhellt werden.
Spannend ist auch, dass die Orte, an denen der Film sich abspielt, nie erklärt oder erkennbar gezeigt werden. So wird der Zuschauer direkt ins Geschehen hineingeworfen, und von intimen Situationen festgehalten.

Auf diese Weise sind einige Bilder aber auch schwer zu deuten. So gibt es Szenen von verschiedenen Trauerfesten, die man nicht richtig einordnen kann, da sie nicht erklärt werden.

Der Film hat keinen Sprecher und kaum erklärenden Text, sondern er erzählt sich selbst über aussagekräftige Bilder. Das nutzt Abaturov auch um Spannung zu erzeugen.
So gibt es eine Szene, in der die Soldaten durch einen Wald marschieren, als plötzlich Schüsse fallen. Sie schleichen weiter, als plötzlich ein Kugelhagel über sie hergeht. Sie erwiedern das Feuer, jemand brüllt:“Granate runter! Granate!“

Hektik bricht aus, die Soldaten werfen sich zu Boden. Da kommt ein anderer Soldat lachend aus dem Unterholz und ruft:“Dich hats voll erwischt!“
Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Übung handelt. Es sind gerade diese Szenen, die durch ihre ständige ununterbrochene Präsenz der Kamera den Betrachter in die Handlung fesseln.


So bekommt man auch tiefgründige Einblicke in die Trauer der Eltern, und wie unterschiedlich die Beiden den Tod ihres Sohnes verarbeiten. Dimas Mutter schämt sich der Tränen nicht, während sein Vater in starren Blicken schweigend immer mehr in die Sprachlosigkeit verfällt.

Es kann sicher nicht leicht für Abaturov gewesen sein, diesen sehr persönlichen Film zu drehen. Ob mit der Familie oder den Soldaten, für den Zuschauer bietet sich auf jeden Fall ein äußerst interessanter und berührenden Einblick.

Jonas Becher / Benedikt Hartlieb