4. Halbzeit – Impressionen

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Zwei sich gegenüberstehende, grell flackernde LED-Leinwände und ein Soundtrack aus betörenden Fußball-Fangesängen eröffnen einen faszinierenden Bildraum, der den Betrachter/innen unmittelbar in ein Geschehen hineinzieht, welches durch die schnellen und grob aufgelösten Bilder jedoch nur schwer zu identifizieren ist. Die für den 3. Berliner Herbstsalon entstandene Arbeit setzt sich mit einem hochaktuellen und schwer zu entschlüsselndem Phänomen auseinander. Bei vielen Aufständen in den letzten Jahren – von Occupy in Spanien über die Istanbuler Gezi-Park-Revolte im Sommer 2013, dem sogenannten arabischen Frühling, den Unruhen am Majdan in Kiew, bis hin zu den letzten Ausschreitungen in Chemnitz – spielten Fußballfans eine zentrale Rolle. In Bezug auf die Arbeit „Zwischen Eigentor und Aufstand“ des Berliner Autoren Ralf Heck sind in der Installation Bilder von Aufständen und Bilder aus Fußballstadien gegenübergestellt. Wermke/Leinkauf befragen in ihrer Arbeit die Faszination und das Potential der organisierten Fußballfans und Ultras im Zusammenhang gesellschaftspolitischer Aufstände und Umbrüche. Obwohl dieses Phänomen sicherlich nicht neu ist, hat es doch erst im multimedialen Zeitalter und der Allgegenwärtigkeit kommerzieller, journalistischer und staatsgewaltlicher Kameras seine Aufmerksamkeit und sein zwischen Angst, Verachtung und Faszination hin- und hergerissenes Publikum gefunden. Dass es diese Bewegung jedoch seit Jahrzehnten gibt, dass sie entgegen allem wachsenden Wohlstand und Frieden und Sicherheit weltweit weiter anwächst und in Deutschland aktuell zur größten Subkultur geworden ist, stellt schwierige Fragen. Nach einem scheinbaren Grundpotential von Widerstand und Gewalt. Nach sozialen Bedürfnissen wie Zugehörigkeiten und Identifikationen außerhalb des gesellschaftlich vorgegebenen Rahmens – vor allem der männlichen Jugend. Dieses Phänomen ist schwer zu entschlüsseln, gerade weil sich diese Bewegung nicht politisch einordnen lässt, weil aus den unpolitischen und oft destruktiven Sammelbecken von fanatischen Fußballanhängern teilweise neue, vielfältige Gruppen entstanden sind, die jenseits der Stadien mit ihren Techniken des Widerstands verschiedenste politische Aktionen unterstützten. Weil sie ihre Erfahrung und Organisation in der Konfrontation und Provokation des Machtmonopols einbringen, ohne dabei politisch kalkulierbar zu sein. Umso wichtiger bleibt die Frage, inwieweit die Beteiligung der Ultras sich auf die mediale Spiegelung jener Ereignisse auswirkt? Unter welchen Umständen und welchem Blickwinkel ihre Beteiligung überhaupt thematisiert wird, wann sie als Gefahr für die öffentliche Ordnung hervorgehoben und wann sie im zustimmenden Blick eher verschwiegen wird.

Eine wirklich lohnende und mitreißende Installation von Mischa Leinkauf und Matthias Wermke.

Andy Justus, Jonas Becher, Arne Hertstein